Fragt man einen modernen Mitteleuropäer, was Schamanismus sei, verweisst er sicher auf die indigenen Völker fremder Länder und ihre fremdartigen Kulte. Stellte man dieselbe Frage einem antiken Mitteleuropäer, vielleicht dem Vorfahren jenes modernen, dann würde dieser höchstwahrscheinlich antworten: "Wenn Sie was von unserer weisen Frau und Zauberin erfahren wollen - sie wohnt gleich dahinten, in dem kleinen Haus am Waldrand".

Schamanismus gilt als etwas fremdländisches. Der Begriff ruft Bilder wilder Eingeborener mit Fell und Federntracht hervor, die in den letzten Winkeln dieser Erde vermoderne Geisterrituale ausüben. Man denkt an Medizinmänner und - frauen, die Trommelkulte praktizieren und unterm Totempfahl in Trance fallen. Edle Wilde, die in den Phänomenen der Natur die Zukunft lesen und die Sprache der Tiere sprechen. Ur-Menschen, die am Gürtel ihres Lendenschurzes einen Lederbeutel tragen, in dem sich entheogene Naturdrogen befinden. Und diese Vorstellung ist mitunter vollkommen korrekt.

Doch sie ist nur die halbe Wahrheit, den der Schamanismus - aus europäischer Sichtweise - nicht nur ein exotisches, sondern auch ein einheimisches Phänomen: Auch wir haben eine schamanische Tradition, haben schamanische Mythen und schamanische Kulte.  Wir haben sie nur fast vergessen oder verdrängt.

Trotz des Weihnachtsbaumes, der Maitanne, der Ostereiersuche, der Verkleidung zu Karneval oder dem "Daumen drücken", wer denkt dabei noch an Schamanismus? Modernes magisches Denken und Handeln, das in die Zeit der alten Europäer führt, als noch Wald den Kontinent bedeckte und vorchristliche Waldvölker in heiligen Hainen ihre heidnischen Naturgötter verehrten. Für unsere Vorfahren war der Schamanismus nicht exotisch, sondern ein fester Teil der täglichen Kultur und spiritueller Praxis. Die Naturverehrung war nicht fremd, sondern vertraut und ein wesentliches Element der europäischen Existenz und Lebenswirklichkeit. Daher rührt die Faszination, die exotische Kulturen auf uns auszuüben, weil ihr Schamanismus uns so sehr an unsere eigene Kultur und Tradition erinnert, das tief in unserem kulturellen Kollektivgedächtnis, in unserer Erinnerung, immer noch lebendig ist.


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